Schinnerhannes, der Lumbehund –
der Galgestrick 2006/2005

 

 

Zeit um 1800, Napoleon steht mit seiner Armee am Rhein. Armut, Entwurzelung und chaotische Kriegswirren schaffen auch die Räuberbande des Schinnerhannes der (wie im Odenwald der „Hölzerlipps“) in der nördlichen Pfalz und im Hunsrück sein Unwesen treibt. Das ganze linke Rheinufer ist damals von den Franzosen besetzt, die sich anschicken, Preußen und Österreicher, die auf dem rechten Rheinufer stehen, anzugreifen, was ihnen dann auch mit der Besetzung des ganzen Reiches und mit der Eroberung von Wien und Berlin gelang.

Schinnerhannes und seine Leute scherten sich einen Teufel darum, wer sie gerade besetzt, denn den Begriff „Deutsch“ oder gar des „Deutschen Patriotismus“ gab es noch nicht, denn Deutschland war noch in unzählige Ländchen zerfallen!

In der 1. Szene sehen wir Schinnerhannes als anonymen Reisenden in einer Wirtschaft, wo sich „bessere Leute“ und einfache Arbeiter und Kleinbauern streng getrennt gegenüber sitzen und wo die gravierenden sozialen und politischen Unterschiede krass zu Tage treten. Bei den kleinen Leuten hat Schinnerhannes großen Kredit, denn er raubt meist (wie anno Tobak Robin Hood) die Großkopfeten aus und teilt die Beute mit den Kleinen. Einem Ledergroßhändler, der gerade hier sitzt, sind wertvolle Felle gestohlen worden und Schinnerhannes verkauft ihm wieder seine eigenen Felle zu „günstigen“ Preisen. Hier lernt Schinnerhannes auch Julchen, die Tochter eines Musikanten kennen, die fortan mit ihm zieht, obwohl sie dem Gendarmen Adam versprochen ist.

In der Folge lernen wir dann das dramatische und auch „lustige Räuberleben“ kennen, denn Zuckmayer spart neben tragischen Aspekten nicht mit drastischer Situationskomik. So zieht er reichen Bauern Hosen und Stiefel aus und schickt sie in Unterhosen wieder nach Hause. Auch die Szene mit dem „stolzgeschwellten“ Vater von Hannes und dem „Gottverdippelchen“, seiner Hauswirtschafterin, sind von umwerfender Komik. – Die Begegnungen mit Nebenbuhler Adam verlaufen trotz hitziger Debatten überraschend fair, weil auch Adam diesen Mann wohl im Stillen verehrt.

Das „lustige“ Abenteuerleben wird dann jäh unterbrochen, als die Franzosen auf Drängen der Oberen den Hunsrück von diesem „Gesindel“ säubern wollen und die Bande diesen ungleichen Kampf aus falschem Stolz annimmt. Trotz flehender Warnungen seitens Julchen, die hier Morde voraussieht, ist Schinnerhannes nicht davon abzubringen und Julchen verlässt ihn deshalb. Es kam, wie es kommen musste: Trotz heftigster Gegenwehr wird die Räuberbande aufgerieben und zur Flucht gezwungen, denn auch die „Kleinen“ im Hunsrück fürchten jetzt Repressalien von Seiten der Besatzer und bieten keinen Unterschlupf mehr.

Nach Monaten aber findet Schinnerhannes sein Julchen wieder, die einem Buben das Leben geschenkt hat. Mit ihr und dem Kind entweicht Schinnerhannes und der Rest seiner Bande über den Rhein zu Preußen und Österreich und lässt sich dort als Soldat anwerben. Von zwei Kameraden jedoch wird er verraten und festgenommen. Was er nicht für möglich hielt: Er wird seinen Feinden mitsamt seiner Bande nach der Festung Mainz ausgeliefert, wo er zum Tod durch das Fallbeil verurteilt wird. Julchen, die frei gesprochen wird, darf die letzten Stunden mit ihm verbringen, ja, sie teilt sogar seine Henkersmahlzeit mit ihm. Zusammen mit 19 Kumpanen, darunter auch sein greiser Vater, wird er 1803 hingerichtet. Der Hinrichtungstag gerät zu einem turbulenten Volksfest, bei dem 15 000 „Besucher“ anwesend sind. Zuckmayer hat diese rummelplatzähnliche Volkszene mit größter Meisterschaft gezeichnet und zieht hier alle Register seines tragikomischen Könnens.

Regisseur Pfisterer hat diese Szene dem Stück als Vorspiel vorangesetzt und lässt dann das Ganze als eine Art „Rückblende“ ablaufen.

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